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    Ehemaliger Standort des Wohnhauses der Familie Frei, 2021
    Dietmar Walser, Hohenems

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    Brücke über den Gießenbach am Weg zum Alten Rhein, 2021
    Dietmar Walser, Hohenems

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    Posten am Nordrand des Hohenemser Waldes, Juli 1943
    Jüdisches Museum Hohenems

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    Fluchthelfer Michael Frei mit seiner Gattin in ihrem Haus in der Lustenauerstraße in Hohenems, um 1940
    Bestand Hildegard Schinnerl, Jüdisches Museum Hohenems

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    Hildegard Schinnerl beim Interview zur Dokumentation "Grenzfälle - erzhält von Robert Menasse", 2012
    Jüdisches Museum Hohenems



29    Michael Frei> 1938 - 1942


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29 Michael Frei 

„Niemand hat wissen dürfen, was mein Vater macht“. Hildegard Schinnerl erzählt von ihrem Vater, dem Fluchthelfer Michael Frei
Hohenems, 2012
 

Hildegard Schinnerl erinnert sich in einem Interview – für den Film „Grenzfälle“ von Robert Menasse und Kurt Langbein. Ihre Familie, der Vater ein Schweizer, die Mutter aus Vorarlberg, lebte in einem Bauernhaus nahe der Grenze in Hohenems, als der Krieg begann. Ihr Vater Michael Frei war schon mit dem allgegenwärtigen Schmuggel an der Grenze vertraut, und wurde nun zum Fluchthelfer.

„Da hat man sogar mich mit 6 Jahren schon ... nach Lustenau geschickt zum Schauen wer wieder kommt. ... aber man hat nicht gewusst wann sie kommen, die waren dann je länger, dass es ging – von 1938 bis 42 – da waren sie oft einen Monat zwei Monate auf (dem) Weg weil sie haben ja nicht mehr den Zug benützen können. Die sind dann angekommen, nachts, oft schon halb krank. Dann hat man sie verstecken oder aufpäppeln müssen. Die sind dann so nervös oft auch gewesen, so krank vor lauter Angst. Die sind natürlich – mit unserer Familie haben sie mitgelebt, aber immer wieder versteckt. Im Elternschlafzimmer – und dann hat man auch eine Kammer gehabt. Und eben das angebaute Häuschen, da war dann, da mussten sie hinüberkriechen. ... Da hat man immer bei der Wand ... gehört, wenn einer heraufkommt oder hinunter geht, bei der Leiter. Und ich habe genau bei dem Bettchen an der Wand geschlafen.“

„Aber schlimm war noch das, wir hatten immer die SA und die Nachbarn und alles, die SA hatten wir auch immer im Haus. Und niemand hat’s gemerkt, weil man hat bei uns nichts geredet. Also es hat niemand wissen dürfen was mein Vater macht, dass mein Vater der Flüchtlingshelfer ist, also beherbergt. Und dass sie da herkommen, nach Hohenems. Mein Vater hat dann am Stubentisch Pläne gemacht vom Alten Rhein, fast metergenau. Wir haben dann einen Acker, draußen einen großen Acker, mit einer Kapelle... Von da aus hat man immer die Grenzwächter gesehen, wer hinausfährt. Die war so bewacht die Grenze. Mein Vater hat immer müssen spionieren und immer schauen nachts. Und den ganzen Ablauf hat er müssen wissen, was an der Grenze läuft. Sonst hat er gar keine Chance gehabt. Aber wenn der Vater dann gesehen hat, dass sie mit Most oder mit irgendwas, das waren ja nicht lauter Böse, die mussten halt den Dienst machen aber oft haben sie auch getrunken und dann hat er gewartet und dann hat er gedacht ‚ja jetzt geht’s’, wenn sie einen Liter oder zwei Liter Most mithaben, dann hat er es gewagt.

Gleich nach unserem Feld war der Kanal und der ist vor dem Rhein. ... und da war nur, das man laufen hat können, ein Steg, und da war schon wieder das Grenzhäuschen... Und da wars aber noch weit bis zur Schweiz eigentlich...; die Flucht hat erst begonnen da. Und es gab keinen Weg, es gab nur Niemandsland. Es gab nur Gestrüpp und so, das kann man sich nicht vorstellen. ...

Also das ist der Grenzstein, da her haben sie es müssen schaffen. Aber nachher ist genau dieselbe Wildnis – bis zur Schweiz. Also sie sind alle in die Schweiz gut hinübergekommen, ins Lager. Aber mein Vater hat da nie mehr von keinem etwas gehört. Nach dem Krieg hat er erfahren, dass viele wieder der Gestapo in Höchst übergeben worden sind.“[1] 


[1] Interview mit Hildegard Schinnerl, in: „Grenzfälle – erzählt von Robert Menasse“ (Kurt Langbein/Robert Menasse, Österreich/Italien 2012).



Haus Frei in Hohenems, Lustenauer Straße
Archiv Jüdisches Museum Hohenems

 

29 Michael Frei 

„Niemand hat wissen dürfen, was mein Vater macht“. Hildegard Schinnerl erzählt von ihrem Vater, dem Fluchthelfer Michael Frei
Hohenems, 2012
 

Hildegard Schinnerl erinnert sich in einem Interview – für den Film „Grenzfälle“ von Robert Menasse und Kurt Langbein. Ihre Familie, der Vater ein Schweizer, die Mutter aus Vorarlberg, lebte in einem Bauernhaus nahe der Grenze in Hohenems, als der Krieg begann. Ihr Vater Michael Frei war schon mit dem allgegenwärtigen Schmuggel an der Grenze vertraut, und wurde nun zum Fluchthelfer.

„Da hat man sogar mich mit 6 Jahren schon ... nach Lustenau geschickt zum Schauen wer wieder kommt. ... aber man hat nicht gewusst wann sie kommen, die waren dann je länger, dass es ging – von 1938 bis 42 – da waren sie oft einen Monat zwei Monate auf (dem) Weg weil sie haben ja nicht mehr den Zug benützen können. Die sind dann angekommen, nachts, oft schon halb krank. Dann hat man sie verstecken oder aufpäppeln müssen. Die sind dann so nervös oft auch gewesen, so krank vor lauter Angst. Die sind natürlich – mit unserer Familie haben sie mitgelebt, aber immer wieder versteckt. Im Elternschlafzimmer – und dann hat man auch eine Kammer gehabt. Und eben das angebaute Häuschen, da war dann, da mussten sie hinüberkriechen. ... Da hat man immer bei der Wand ... gehört, wenn einer heraufkommt oder hinunter geht, bei der Leiter. Und ich habe genau bei dem Bettchen an der Wand geschlafen.“

„Aber schlimm war noch das, wir hatten immer die SA und die Nachbarn und alles, die SA hatten wir auch immer im Haus. Und niemand hat’s gemerkt, weil man hat bei uns nichts geredet. Also es hat niemand wissen dürfen was mein Vater macht, dass mein Vater der Flüchtlingshelfer ist, also beherbergt. Und dass sie da herkommen, nach Hohenems. Mein Vater hat dann am Stubentisch Pläne gemacht vom Alten Rhein, fast metergenau. Wir haben dann einen Acker, draußen einen großen Acker, mit einer Kapelle... Von da aus hat man immer die Grenzwächter gesehen, wer hinausfährt. Die war so bewacht die Grenze. Mein Vater hat immer müssen spionieren und immer schauen nachts. Und den ganzen Ablauf hat er müssen wissen, was an der Grenze läuft. Sonst hat er gar keine Chance gehabt. Aber wenn der Vater dann gesehen hat, dass sie mit Most oder mit irgendwas, das waren ja nicht lauter Böse, die mussten halt den Dienst machen aber oft haben sie auch getrunken und dann hat er gewartet und dann hat er gedacht ‚ja jetzt geht’s’, wenn sie einen Liter oder zwei Liter Most mithaben, dann hat er es gewagt.

Gleich nach unserem Feld war der Kanal und der ist vor dem Rhein. ... und da war nur, das man laufen hat können, ein Steg, und da war schon wieder das Grenzhäuschen... Und da wars aber noch weit bis zur Schweiz eigentlich...; die Flucht hat erst begonnen da. Und es gab keinen Weg, es gab nur Niemandsland. Es gab nur Gestrüpp und so, das kann man sich nicht vorstellen. ...

Also das ist der Grenzstein, da her haben sie es müssen schaffen. Aber nachher ist genau dieselbe Wildnis – bis zur Schweiz. Also sie sind alle in die Schweiz gut hinübergekommen, ins Lager. Aber mein Vater hat da nie mehr von keinem etwas gehört. Nach dem Krieg hat er erfahren, dass viele wieder der Gestapo in Höchst übergeben worden sind.“[1] 


[1] Interview mit Hildegard Schinnerl, in: „Grenzfälle – erzählt von Robert Menasse“ (Kurt Langbein/Robert Menasse, Österreich/Italien 2012).



Haus Frei in Hohenems, Lustenauer Straße
Archiv Jüdisches Museum Hohenems

 

Kurzbiografien der genannten Personen

Michael Frei geboren 30.10.1892 in Diepoldsau-Schmitter, gestorben 19.2.1965 in Hohenems. Michael Frei wurde aufgrund von Schmuggel mit Garnrollen während des Ersten Weltkriegs in der Schweiz zu einer Geldstrafe verurteilt und flüchtete nach Vorarlberg. 1919 heiratete er in Hohenems Amalia Gasser und arbeitete bis 1938 bei der Textilfirma Neumann & Söhne, danach als Knecht. Daneben betrieben sie eine kleine Landwirtschaft. Während des Zweiten Weltkriegs leisteten sie immer wieder Fluchthilfe für zumeist aus Wien kommende Jüdinnen und Juden, die sie zeitweise auch in ihrem Haus nahe der Grenze versteckten.

Amalia Paulina Gasser geboren 11.7.1895 in Hohenems, gestorben 11.7.1985 in Hohenems. 1919 heiratete sie den aus Diepoldsau stammenden Michael Frei und wurde damit Schweizerin. Ihr Mann arbeitete bis 1938 in der Textilfirma Neumann & Söhne. Gemeinsam betrieben sie eine kleine Nebenerwerbslandwirtschaft. Während des Zweiten Weltkriegs leisteten sie immer wieder Fluchthilfe für zumeist aus Wien kommende Jüdinnen und Juden, die sie zeitweise auch in ihrem Haus nahe der Grenze versteckten.

Hildegard Schinnerl geborene Frei am 24.9.1933 in Hohenems, gestorben 5.11.2018 in Hohenems. Ihre Eltern Michael und Amalia Frei leisteten immer wieder Fluchthilfe für zumeist aus Wien stammende Jüdinnen und Juden, die sie zeitweise auch in ihrem Haus nahe der Grenze versteckten. Als junges Mädchen war auch Hildegard Schinnerl daran beteiligt. Nach dem Krieg lebte sie einige Zeit in Frauenfeld, bevor sie nach Hohenems zurückkehrte und eine eigene Familie gründete.